Erwartungen sind einseitige Verträge
- Kristina Mueller
- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
— von denen der andere nichts weiß
Warum Führungskräfte frustriert sind, Mitarbeitende ratlos — und wie verhaltensbasierte Kompetenzbeschreibungen das ändern.
„Erwartungen sind oft einseitige Verträge, von denen der andere nichts weiß.“ — Karlheinz Wolfgang
Ich erlebe es regelmäßig in der Beratung: Eine Führungskraft ist frustriert. Mitarbeitende liefern nicht das, was erwartet wird. Engagement fehlt, Eigenverantwortung bleibt aus, Deadlines werden nicht als verbindlich behandelt. Die Führungskraft hat „das ja schon mehrfach gesagt“. Die Mitarbeitenden wissen davon — gefühlt — nichts.
Dieses Zitat von Karlheinz Wolfgang beschreibt in einem Satz eines der häufigsten Reibungsfelder in der Führungsarbeit — und es ist erschreckend präzise.
Das Problem hat drei Ebenen
Ebene 1: Die Erwartung existiert nur im Kopf der Führungskraft
Was intern als selbstverständlich gilt, wurde nie explizit gemacht. Führungskräfte erwarten Verhalten, das sie für offensichtlich halten — weil es für sie offensichtlich ist. Für Mitarbeitende ist es das nicht. Dieser blinde Fleck ist der Ausgangspunkt fast jeder Frustration.
Ebene 2: Appelle ersetzen keine Struktur
Wenn Erwartungen doch kommuniziert werden, geschieht das häufig als Appell: „Ich wünsche mir mehr Eigenverantwortung.“ „Wir müssen zuverlässiger werden.“ Das Problem: Appelle beschreiben einen Zustand, keine Verhaltensweise. Die Mitarbeitenden hören das — und verstehen immer noch nicht, was konkret von ihnen erwartet wird.
Schlimmer noch: Führungskräfte fördern unbewusst oft genau das Gegenteil von dem, was sie sich wünschen. Wer bei jedem Problem sofort die Lösung liefert, trainiert Abhängigkeit statt Eigenverantwortung. Wer Fehler bestraft statt als Lernchance behandelt, züchtet Risikovermeidung statt Ownership. Das passiert nicht böswillig — es passiert, weil das richtige Verhalten nicht konsistent verstärkt wird.
Ebene 3: „Ich hab’s doch gesagt“ — die Kommunikationstreppe
Hier greift ein klassisches Kommunikationsmodell: die Kommunikationstreppe nach Lorenz. Was gesagt wird, ist nicht zwingend das, was gehört wird. Was gehört wird, ist nicht das, was verstanden wird. Was verstanden wird, ist nicht das, was behalten wird. Was behalten wird, ist nicht das, was umgesetzt wird.

Eine Erwartung einmal geäußert zu haben — auch klar und deutlich — bedeutet noch lange nicht, dass sie im Arbeitsalltag ankommt und handlungsleitend wird. Führungskräfte unterschätzen systematisch, wie viel Wiederholung, Kontext und Konkretisierung es braucht, bis eine Erwartung wirklich „landet“.
Die Lösung: Verhaltensbasierte Kompetenzbeschreibungen
Was hilft, ist nicht mehr Kommunikation — sondern bessere. Und zwar Kommunikation, die Erwartungen in beobachtbares, beschreibbares Verhalten übersetzt.
Aus der Operationalisierung von Sozialkompetenzen kennen wir das Prinzip: Eine Kompetenz ist erst dann nützlich, wenn sie so beschrieben ist, dass alle Beteiligten dasselbe darunter verstehen — unabhängig davon, ob sie gerade auf Stufe 1 oder Stufe 5 ihrer Entwicklung stehen.
Ein Beispiel: Eigenverantwortung, Zuverlässigkeit & Selbstorganisation
Übernimmt aktiv Verantwortung für die eigene Arbeit, hält Zusagen verlässlich ein und organisiert sich selbstständig — mit dem Ziel, Outcome zu liefern, nicht nur Output.
Das klingt noch nach Appell. Erst die Verhaltensanker machen es konkret.
Stufe 1 — Verlässliche Basis
• Hält Deadlines ein oder meldet sich proaktiv, wenn sich etwas verzögert
• Sagt Termine verbindlich zu oder ab
• Pflegt eigene Tasks und Status regelmäßig
• Plant Abwesenheiten so, dass keine vermeidbaren Überraschungen entstehen
Stufe 3 — Outcome-Treiberin
• Definiert vor Beginn einer Aufgabe klare Erfolgskriterien (Was bedeutet „done“ konkret?)
• Hinterfragt den eigenen Beitrag: Welchen Outcome erzeugt meine Arbeit wirklich?
• Bringt begonnene Initiativen konsequent zum Abschluss
Stufe 5 — Systemische Gestalterin
• Identifiziert strukturelle Hindernisse für Eigenverantwortung und adressiert sie aktiv
• Befähigt andere, Ownership für komplexe Themen zu übernehmen
• Verknüpft individuelle Verantwortung explizit mit übergeordneten Unternehmenszielen
Was das für die Führungspraxis bedeutet
Verhaltensbasierte Kompetenzbeschreibungen lösen drei Probleme gleichzeitig:
• Sie machen den einseitigen Vertrag sichtbar — indem sie die Erwartung aus dem Kopf der Führungskraft auf ein gemeinsames Dokument übertragen, über das gesprochen werden kann.
• Sie ermöglichen ein gemeinsames Vokabular — Führungskraft und Mitarbeitende reden über dasselbe, wenn sie über „Eigenverantwortung“ sprechen.
• Sie schaffen Entwicklungsorientierung statt Bewertungsdruck — weil sie nicht sagen „du bist gut oder schlecht“, sondern „hier stehst du, hier könntest du wachsen“.
Der entscheidende Schritt für Führungskräfte: Nicht mehr fragen „Warum liefert der/die nicht?“, sondern „Habe ich wirklich klar gemacht, was ich erwarte — in konkretem, beobachtbarem Verhalten?“
Fazit
Erwartungen, die nur im Kopf der Führungskraft existieren, sind keine Führung — sie sind eine Quelle dauerhafter gegenseitiger Enttäuschung. Der Weg heraus ist nicht einfacher, aber klar: Erwartungen explizit machen, in Verhalten übersetzen, konsistent fördern — und wiederholen, bis sie wirklich ankommen.
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